Michael Rüsenberg. Frankfurter Rundschau Das Konzert beginnt, als verschwisterten sich Duke Ellington und Procol Harum, als hielte „In a mellow tone“ durchgängig „A salty dog“ im Zaum. Es beginnt, wie nie und nimmer ein Jazzkonzert beginnt: ohne jedes Bemühen, die Angst vor dem großen Auditorium mit schnittigem Ton wegzublasen und sich bei den Zuhörern mit virtuosen Handreichungen Respekt zu verschaffen. Das Konzert beginnt piano, es verlangt genaues Hinhören von der ersten Sekunde, man rückt mit den Ohren näher heran. Erst nach einer vollen Stunde, als das Vokabular des Abends fast vollständig durchdekliniert scheint, lüftet es den letztverbliebenen Parameter „Dynamik“ und gibt expressive Soli frei. Dann schließt das Konzert, wie es begonnen hat – piano, mit einer Bearbeitung von Olivier Messiaens „Louange à l'Immortalité de Jésus“ aus dem „Quatuor pour la fin du Temps“ (1941-42). Ein Jazzabend im Stile eines Kammerspieles, das hält aus der deutschen Jazzszene wohl kaum ein anderes Ensemble durch als Root 70. Wobei die geografische Zuordnung schon wackelt. Von dem Quartett aus in den 1970er Jahren geborenen Musikern (daher Root 70), das vor bald 10 Jahren in Köln egründet wurde und hier leicht sechs-, siebenhundert Zuhörer in die Philharmonie bringt, wohnt in der Domstadt keiner mehr und in Deutschland nur noch Hayden Chisholm (Altsaxophon), einer der beiden „Kiwis“ (Neuseeländer) der Band. Matt Penman (Kontrabaß) lebt in New York, Nils Wogram (Posaune) in Zürich und Jochen Rückert (Schlagzeug) in Brooklyn. Obgleich das Ensemble mit Chisholm und Wogram über kongeniale Solisten und Komponisten verfügt, tourt es doch, zuletzt im November 2006, als Nils Wogram´s Root 70. In der Philharmonie Köln nun firmiert es unauffällig als „The Embassadors“; dass es unter der Leitung von Hayden Chisholm steht, ergibt sich formal zunächst nur aus dem Umstand, dass dieser die Ansagen übernimmt. Tatsächlich aber sind The Embassadors ein um zwei Musiker erweitertes Root 70, nämlich um den Bratscher Gareth Lubbe aus Südafrika (derzeit in der Königlichen Philharmonie Flandern) und den in Peru gebürtigen Pergamenschikow-Schüler Claudio Bohórquez (Cello), der in Berlin lebt. Seit Hayden Chisholm mit den beiden bei einem Konzert anlässlich seines dreißigsten Geburtstages im Dezember 2005 im Kölner „Loft“ experimentierte (vgl. FR v. xx.12.05), konnte man sie gelegentlich als Gäste auf Root 70-Tourneen erleben; nicht auf jeder Station und auch nur in wenigen Stücken. Bei den Embassadors nun sind sie nicht nur voll integriert, das ganze Konzept ist von ihrer Präsenz geprägt. Den Begriff „Thirdstream“, der einem dafür schon auf der Zunge liegt, möchte man gleichwohl nicht aussprechen. Nirgends eine Verbeugung, gar Anbiederung an ein sonstwie geartetes Verständnis von „E-Musik“, das solchen Bemühungen häufig zu Grunde liegt. Der formale Fundus, das Repertoire von Root 70, aus dem überwiegend geschöpft wird, sie sind komplex genug, um diese Musik – vielleicht bis auf die Anflüge zur Vierteltönigkeit – aus dem Jazz ableiten zu können. So klingt vielmehr ein Neo Cool Jazz, der die Stürme des FreeJazz und die kompositorischen Finessen eines Anthony Braxton verdaut hat. Mehr als sonst gibt Chisholm´s Ton auf dem Alt, diese matte Schönheit, die den Ansatz eines Paul Desmond ins Flötenhafte verflüssigt, dem ganzen Ensemble seinen Impetus. Zweimal in neunzig Minuten, wenn Gareth Lubbe einen warmen Mischklang aus allen Instrumenten mit seinem tiefen Obertongesang grundiert, sucht man zudem die Bühne nach einer „zweiten Flöte“ ab, die über allem zu schweben scheint. Vergeblich, es ist ein Flageolett, das Claudio Bohórquez in hoher Lage streicht. Die beiden Streicher sind improvisations-verständig, werden aber – bis auf eine Passage – als Improvisatoren nicht benötigt. Sie ergänzen Texturen, fächern harmonisch auf. Die Haupttugend des Jazz, die Improvisation, obgleich in virtuoser Ausführung der beiden Bläser vorhanden, steht bei Root 70 nicht, und also auch nicht bei den Ambassadors obenan. Sie macht Platz zugunsten einer strikten formalen Ordnung, die ohne Komposition - und Präzision - zusammenbräche. Als Embassadors hat sich Root 70, eines der besten Ensembles des europäischen Jazz, eine Erweiterung im Stile eines vorzüglichen Kammerspieles gegönnt. Das Album, das im Umkreis dieses Debuts entstanden ist, darf man mit Vorfreude erwarten.
Tom Fuchs, Koelner Stadtanzeiger (phil. blatt) The Embassadors Alle Wege führen nach Köln, so ist man versucht zu formulieren, angesichts der Besetzung dieses ungewöhnlichen Jazzensembles. Dessen Leiter, Saxophonist Hayden Chisholm, wird vermutlich aus Barcelona anreisen, Posaunist Nils Wogram aus Zürich, Drummer Jochen Rückert und Bassist Matt Penman aus New York. Gareth Lubbe, Solo-Bratschist der Königlichen Philharmonie Antwerpen und der Cellist Claudio Bohórquez, zur Zeit Berlin, haben da noch die kürzesten Anfahrten zu bestreiten. Zwei Neuseeländer, zwei Deutsche, ein Südafrikaner und ein Peruaner - der Begriff „Embassadors“, unter dem dieses Sextett in der Philharmonie firmiert, könnte eigentlich nicht besser gewählt sein. Den Musikern liegt jedoch jedes messianische Auftreten fern, wie es noch der US-amerikanische Schlagzeuger Art Blakey mit seinen „Jazz Messengers“ propagierte, schon gar nicht fühlt man sich dazu aufgerufen, einen politischen Konflikt mit musikalischen Mitteln zu entschärfen, wie einst der Trompeter Dizzie Gillespie im Auftrag des State Department in Athen. „Ich finde die Bezeichnung einfach treffend“ meint Hayden Chisholm, „wir alle sind ständig unterwegs, und alle wohnen nicht mehr dort, wo sie aufgewachsen sind.“ Der ständige Ortswechsel geht einher mit allen möglichen musikalischen Einflüssen, mit denen sich die Musiker auseinandersetzen. Besonders Hayden Chisholm verfügt über ein beeindruckendes Intinerar: Konzertreisen und Filmaufnahmen führten ihn bislang nach Indien, Afrika, Japan, Südamerika, Australien, der 31-Jährige studierte zudem in der Schweiz, Griechenland, Japan, Indien, und in - Köln. Während des Studiums an der Musikhochschule in den Neunzigerjahren lernte er hier seine späteren Mitmusiker kennen. Man blieb über die Jahre in Kontakt, gründete mit „Root70“ und „Doha“ zwei Gruppen, erstere ein Jazzquartett, bei dem meist Nils Wogram die Federführung übernimmt, letztere ein Trio mit Bohórquez und Lubbe, die hier meist als Oberton-Sänger in Erscheinung treten. „Es war schon immer ein Traum von mir, diese beiden Gruppen einmal zusammenzubringen,“ meint Chisholm. Mit dieser eher ungewöhnlichen Besetzung aus Saxophon, Posaune, zwei Streichern und dem Rhythmusgespann Bass/Schlagzeug bricht der gebürtige Neuseeländer mit den vorgegebenen Strukturen, die im Jazz sonst vorgegeben sind. Auch mit dem Sujet hat Chisholm eine Option gewählt, die aus dem Rahmen fällt. Als Ausgangspunkt für eine gemeinsame Exkursion der Ambassadors bieten sich neben eigenen Kompositionen Werke von Olivier Messiaen an: „Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit Themen von Messiaen. Als darum ging, eine Auswahl von Stücken zusammenzustellen, war Messiaen erste Wahl, gerade weil er unter harmonischen und melodischen Aspekten in meine Klangvorstellung speziell für diese Gruppe ganz besonders gut passt." Chisholm geht es darum, extrem melodische Linien auf einem schwebenden rhythmischen Hintergrund zu kreieren, die viel Raum zum Atmen lassen, in der Artikulation jedoch sehr pointiert, präzise und logisch erscheinen. Nimmt man seine bisherige Arbeit als Maßstab, etwa die Einspielungen mit „Root70“ oder die Kooperation mit der Künstlerin Rebecca Horn, dann ist von dem neuen Bandprojekt The Embassadors eine ruhige, dezidierte Art des Musizierens zu erwarten, ohne Stress, aber trotzdem sehr aussagekräftig. Die Falle des Trivialen, Banalen sollte somit von vorneherein umgangen, sattsam bekannte Ausflüge ins musikalische Nichts vermieden werden. Selten gewordene Qualitäten also, jene Störfaktoren, die uns in der heutigen Zeit so oft belasten, aufzuheben und den Zuhörer einmal in ganz andere Sphären zu begleiten. |